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Mein Anwärter auf das Unwort des Jahres 2010 ist eindeutlich CONTENT. Es gibt kaum ein Wort, das herabwertender für die Bezeichnung von Inhalt herangezogen werden könnte. Man könnte meinen, Inhalt und Content seien als Begriffe identisch, das eine praktisch die Übersetzung des anderen in eine andere Sprache. Aber nein, Content ist ein deutsches Wort, welches inhaltsloses Geplänke bezeichnet, das vor allem eines ist: Wertlos (kein Wunder, das dafür keiner bezahlen mag). Contentproduktion als Maxime. Marken und Ideen können im Internet wahrlich fragwürdige Wege gehen. Und nein, ich finde nicht, dass jeder Shop, jedes Label, jedes Kaufhaus ein Blog haben sollte! Ich plädiere dafür, dem Inhalt wieder seinen Wert zu verleihen und den Content über Bord zu werfen und die Inhalte vor allem auch denen zu überlassen, die etwas davon verstehen!
Sagte Suzy Menkes letzten November. Ich hätte nicht gedacht, dass es so schnell an der Zeit sein würde:
“Sarah McCullough, Creative Concepts Manager von Selfridges und begeisterte Blogleserin, sagt: Es ist irre, dass Blogger wie Tavi bei den Couture Shows sind und mit Geschenken aller Art überschüttet werden. Dabei ist mir ein wenig mulmig zumute.”
(Sarah McCullough, Selfridges’ creative concepts manager and an avid blog reader, said: “It’s mind-blowing that bloggers like Tavi are at the couture shows and being showered with all kinds of gifts. It has soured things a little bit for me.”, aus: Susie Mesure – “Fluff flies as fashion writers pick a cat fight with bloggers”)
Ich sagte bereits auf dem Panel bei der Premium dazu: Korruption und Bestechlichkeit sind Probleme des Modejournalismus an sich und kein Novum bei Bloggern, es ist jetzt nur sehr viel sichtbarer.
Den besten Kommentar dazu gab (natürlich) Amy Odell auf The Cut.
Amüsiert habe ich gestern die kurze Doku “Fendi… Vor der Show” von Loïc Prigent auf Arte+7 gesehen, in der ein kleines Team Karl Lagerfeld und seine Anhänger bei den Vorbereitungen für die Show von Fendi verfolgt. Besonders blieb mir ein Satz im Gedächtnis, den Lagerfeld sprach, als er den Chef des Pelz-Ateliers anwies, das fluffige Fell am Saum eines Mantels kurz zu scheren. Der Satz fiel als Begründung für die Änderung: “Das ist nicht mehr modern, das trägt heute keiner mehr.” Er passt natürlich ins Repertoire von “König Karl”, der neben seinen großartigen Entwürfe auch für seine disziplinierte und schnelle Arbeitsweise bekannt ist, dabei gern auch mit großspurigen Tönen auffällt. Was Karl sagt, gilt.
Jungen Modeinteressierten fällt sofort die Antiquiertheit des Satzes auf, denn seit einigen Jahren leben wir in einem Zustand des “Anything goes”. Zig Trends, Retromanien und Silhouetten finden gleichzeitig statt. Derzeit kleiden wir uns gemäß der 91-94er, mischen das aber mit Blockabsätzen aus den 72ern und den Frisuren der 69er, drüber kommt noch a weng Gothic und Dandy kann man sowieso immer sein. Da sehnt man sich fast zurück in die Zeit als Macher wie Karl Lagerfeld oder Christian Dior den “Look” der kommenden Saison bestimmten und dieser dann von den Laufstegen, durch die Magazine und Boutiquen in die Massenkaufhallen und schlussendlich auf die Straße blubberte, während in Paris schon wieder etwas ganz anderes en vogue war. Wenn es erstmal beim Plebs angekommen war, trug es wirklich keiner mehr. Denn “keiner” bezieht sich durchaus nur auf die Gruppe der Eingeweihten, auf die, die “Ahnung haben von Mode“. So undefiniert diese Ahnung auch sein mag, stellt sie doch ein wichtiges Unterscheidungskriterium zu denen dar, die nur amateurhaft mit der Mode herumfurwercken und die alten Trends abtragen, wenn endlich Karstadt sie anbietet.
So ist es allerdings nicht mehr. Die Online Medien haben einer Beschleunigung der Mode den letzten Schubs gegeben, der schon von iD und vor allem dem allgegenwärtigen Trendscouting Anfang der 1990er angetreten wurde. Die Gruppe derer, die relevant sind für die Beurteilung, dass es “keiner mehr trägt”, die also Trends setzen, anstatt sie zu verfolgen, ist heute größer, bzw. sichtbarer denn je. (Ich führe das hier nicht weiter aus, da das an anderer Stelle schon zuhauf getan wurde… siehe z.B. die Bedeutung von Blogs.)
Es funktioniert heute immer noch, wenn Karl sagt, “das ist nicht mehr modern”. Denn wie Anna Wintour, regiert er sein Reich als Despot. Es gibt keine Kooperation, erst Recht nicht zu reden von Meinungsverschiedenheiten oder Kompromissen. Es zählt, was Karl sagt. Sein Gefolge ist einzig dafür da, seine Vision umzusetzen und wuselt bei der Audienz umtriebig durch das Atelier um vielleicht noch die ein oder andere Kreation zu seinem Gefallen zu ändern. Und zwar ohne nach Begründung oder Machbarkeit, gar Effektivität zu fragen. Ihm gesteht man diesen Luxus als künstlerische Freiheit zu. Auch wenn dafür mehrere Millionen Euro an Stoffen, Pelz und Arbeitszeit regelmäßig in den Mülleimer wandern. Seine Arbeitsweise ist gerechtfertigt durch das Gesamtkunstwerk, das uns am Ende an riesigen Elfen auf dem schmalen Laufsteg entgegen wankt.
Das dieses Werk wenige Monate später durch die nachfolgende Kollektion schon wieder verdrängt und damit obsolet wird, interessiert keinen. Nur die Schneiderinnen wiederholen regelmäßig, dass es sich eben seit Jahren so zutrage.
Am Ende ist Karl einer der “alten Schule”, der nicht wie Christopher Baily die Burberry Fittings über Skype erledigt um Flüge zu vermeiden, sondern auf seine Methode besteht. Und genau für diese strenge Konsequenz wird er zu Recht bewundert. Allerdings ist er, wie Anna Wintour, wahrscheinlich einer der letzten seiner Art.
Bild: Still aus “Fendi… Vor der Show” von Loïc Prigent
Weil die ACHTUNG nur noch zweimal viermal im Jahr erscheint, hat sich die Redaktion gedacht, spontan aufkommende Mitteilungsbedürfnisse auf der Website zu entladen, um nicht das Erscheinen des nächsten Heftes abwarten zu müssen: Achtung. Zeitgeit. Es ist kein Blog, es hat einen Anspruch täglich aktualisiert zu werden, nichteinmal die Möglichkeit, die Beiträge per Feed Reader zu abonnieren gibt es. Vielleicht passiert da gerade ganz langsam und natürlich etwas, gegen das sich große Printpublikationen noch immer mit allen Kräften wehren. Jede Nachricht findet von ganz allein ihren Weg ins richtige Medium. “The Future of Fashion” heißt übrigend die kommende Ausgabe des ACHTUNG Modemagazins. Das klingt sehr vielversprechend!
Wie angekündigt, wird es bei der Berlin Fashion Week im Januar wieder ein Bloggermeeting, diesmal mit freundlicher Unterstützung der Premium Exhibitions, geben, dessen Highlight eine Diskussionsrunde zum Thema: Fashion Blogs: Hype or Future (in englischer Sprache) ist. Ich moderiere das Panel und werde mit meinen Gästen über die Bedeutung von Fashion Blogs und deren Zukunft, Modeberichterstattung in Print- und Onlinemedien und die aktuelle Kommunikation zwischen Medien und Nutzern diskutieren. Nach der Diskussion ist Zeit für Kennenlernen und, wie heißt es so schön, “Networking”.
Zu Gast sind:
Suzy Menkes, International Herald Tribune (per Video)
Imran Amed, Business of Fashion
Markus Luft, Gala Deutschland
Christoph Amend, ZEITmagazin
Sven Schöne, K-MB Agentur für Markenkommunikation GmbH
MITTWOCH, 20. JANUAR 2010
14:00 Uhr
PREMIUM AUDITORIUM
STATION-Berlin | 1. Etage
Luckenwalder Strasse 4 – 6
10963 Berlin
Um Akkreditierung wird gebeten unter: symposium@premiumexhibitions.com (Bitte gebt eure Blogadresse mit an)
Die Modewelt wird jedoch offenkundig nicht ausschließlich von den Maximen des Postfordismus (Kooperation, Eigenverantwortlichkeit) regiert, sondern bleibt auch vom ständischen Prinzip durchdrungen.
Während der Künstler – im Modebereich durch den Typus des Designers vertreten – längst seine Unschuld verloren hat und von kommerziellen Zwängen in Schach gehalten wird, wird Vermittlern wie Wintour noch eine Art Restautonomie zugesprochen, was in ihrem Fall bedeutet, dass sie im Grunde schalten und walten kann, wie sie will. Natürlich muss auch sie auf modische Konjunkturen, die Bedürfnisse der Anzeigenkunden etc. etc, Rücksicht nehmen. Zugleich gesteht man ihr jedoch noch jede Schrulle zu, so wie man es in den 1970er Jahren auch einem „großen Künstler“ wie Yves Saint Laurent großzügig verzieh, dass er Allüren hatte und schwierig war. Wenn die Herausgeberin der größten Modezeitschrift vom verloren gegangenen Freiraum des Künstlers profitiert, dann deutet sich darin aber noch eine weitere gesellschaftliche Verschiebung an – die Verschiebung von der Produktion hin zur Reproduktion. Die Macht hat heute auch im Modebereich diejenige, die für reproduktive Bereiche wie Vermittlung oder Kommunikation verantwortlich ist.
Ein Lichtblick im Wust meiner derzeitigen Blogrecherche – Isabelle Graws Artikel “Alle Macht der Chefredaktion” zu “The September Issue” in der Netzkolumne “Reiche Römer”.
Ich habe für das Berlin Fashion Week Magazin einen kurzen Text zum Bloggen geschrieben, hier kann man sich das Magazin runterladen.
Der Einfachheit halber hier der Text noch einmal:
Als ich im März 2006 die Idee hatte, einen Berliner Streetstyle Blog zu machen, saß ich gerade in der Lernpause mit einer Tasse Filterkaffee in der Hand auf den Polstern der Staatsbibliothek. Wenige Tage später veröffentlichten wir die ersten Bilder gut angezogener Passanten auf „Stil in Berlin“.
18 Monate danach kippte ich den Champagner im Pariser Ritz zu schnell in meinen leeren Magen, da wir weiter zu einer privaten Führung durch die Räume des Chanel Hauptquartiers in der Rue Cambon 31 mussten, in die Jacques Helleu 13 internationale Blogger eingeladen hatte. Diese erste große Wertschätzung war selbst der New York Times eine Meldung wert und wenig später stellte Colette die ersten „Stil in Berlin“ Bilder aus.
Im November 2008 schrie mich dann eine Freundin durchs Telefon an: „Claus Kleber hat gerade deinen Namen gesagt!“ Den hat er sogar richtig ausgesprochen, als er das Stück über mich und meinen Blog im ZDF Heute Magazin anmoderierte.
Ich blogge seit vier Jahren und gehöre damit zu einer ebenso belächelten wie hochgejubelten neuen Art. Modeblogger sind die, die ohne klassische Ausbildung oder jahrelange Praktika die Abkürzung vom Heimschreibtisch direkt in die Front Row genommen haben. Aus reiner Leidenschaft und überbordendem Enthusiasmus erarbeiteten sie sich Respekt und Reputation. Und weil ihre Leser sie lieben, kann auch die Industrie sie nicht ignorieren.
Bloggen ist im besten Fall frei und innovativ, es öffnet Türen und neue Perspektiven, überschreitet soziale und fachliche Grenzen, unterhält, informiert und überrascht, ist intensiv und kritisch. Und das schönste ist – diese neue Art zu publizieren ergänzt den Modezirkus mit einer sehr spannenden Stimme.
So richtig scheinen wenige der Publisher zu wissen, wie man mit der neuen Körperkritik und dem Interesse an neuen Idealen umgehen soll. Das V Magazine bringt eine ganze Ausgabe zum Thema, vergleicht darin aber Äpfel mit Birnen. Sie stecken die dicke Crystal Renn und die dürry Jacquelyn Jablonski in die gleiche Klamotte und lassen Nicola Formichetti zuviel Volumen in stretchiges Denim und funkelndes Leo quetschen und wollen damit beweisen, dass man auch jenseits der Kleidergröße 46 Mini und Hotpants tragen kann, wenn man immer sein Photoshop Airbrush Werkzeug dabei hat. Denn mal ehrlich, so schön geglättete Schenkel und vorteilhaft gefaltetes Bauchfett nennen in Wirklichkeit die wenigsten dieser Damen ihr eigen. Aber wie mehrmals festgestellt, geht es bei der Mode selten um die Wirklichkeit, weshalb zwischen Mager- und Fettsucht wenig existiert auf den glossy pages dieser Welt.
Die Marie Claire Australia greift die Photoshop Wut auf und glaubt mit der Platzierung eines unretouchierten Models auf dem Cover den großen Wurf in Sachen “natürliches Körperbild” gemacht zu haben. Das der Mut einer ehemaligen Miss Universe mit idealen Maßen, unberührt auf dem Einband eines Modeblättchens zu erscheinen dabei solch ein (Marketing)Lob erfährt, ist genug Kommentar zur Lage.
Nichtsdestotrotz sind dies alle Schritte in eine andere Richtung, weg vom uniformen Einheitsbrei. Wir befinden uns offensichtlich in einer Phase der Neuorientierung.
Die Brigitte “Ohne Models” Initiative trieb mir ja schon von Beginn an die Zweifelfalten auf die Stirn, halte ich sie doch für eine reine Marketing-Action, welche das in Deutschland immer wieder sehr dankbar aufgenommene Angstthema der “Magermodels” aufgreift um eine abgeschlagene Printproduktion wieder ins Gerede zu bringen. Nichtsdestotrotz freuten sich zig durchschnittlich figurierte Frauen und bewarben sich eifrig auf die frei werdenden Modelplätze und das bisschen Ruhm für wenig(er) Geld.
Einen Beweis für meine Annahme lieferte die Brigitte dankbarerweise auch gleich selber – Die Mädchenmannschaft machte bereits letzte Woche auf einen reichlich blöden Onlineartikel aufmerksam, der vorschlug, die Heizung runter zu drehen, früh zu schlafen und Gewürztee zu trinken um die Feiertage um Gottes willen bitte ohne Zunahme eines Gramms durchzustehen. Gut, Online und Printredaktion sind, unverständlicherweise, häufig noch getrennt in derzeitigen Publikationen – auch wenn die Brigitte Website seit Monaten mit ihrer Initiative (sic!) zugepflastert ist, kann das ja mal passieren, ne.
Allerdings ist, wie Gerlinde dann gestern bemerkt, “Blödheit eine wichtige Konstante in der Welt” und deshalb erscheint die erste Ausgabe ohne Models dann auch gleich mit der Headline “Die neue Diät – so passt sie in ihr Leben!” Wie der Rummel um Modelfreie, weil dann natürlich auch magersuchtsfreie Modestrecken und stetig wiederholte Diättipps, die in erster Linie dazu dienen, Frauen stetig bewußt zu machen, dass es um ihre Figur geht, die, im Zweifelsfall, natürlich stetig zu dick ist, zusammen passen, erschließt sich mir nicht.
Und ich muss sagen, so eine Doppelmoral, die dann auch noch so blöde in Szene gesetzt wird, nervt mich am Montag mehr als vieles andere.